Häuser mit Gesicht - Häuser mit Geschichte


egibt man sich auf die Suche nach den ältesten Bauwerken von Cond, so wird man im Bereich der alten Kirche schnell fündig.
Doch diesmal soll nicht der romanische Kirchturm im Mittelpunkt der Betrachtung stehen, auch nicht das vor Jahrzehnten abgebrochene Kirchenschiff aus dem Jahre 1701. Die Aufmerksamkeit soll vielmehr auf die umliegenden Wohnhäuser und Gehöfte gelenkt werden.
Wahrzeichen und Schmuckstück ist hier das sogenannte "Zehnthaus". Ein "Prunkbau in Fachwerk", wie es ein Kunsthistoriker einmal ausgedrückt hat. Doch das noch erhaltene Gebäude ist nur ein Teil des ursprünglich dort befindlichen Hofgutes des Klosters Stablo, welches in den Jahren 857 bis 1802 in Cond präsent war. Die Pfarrangehörigen entrichteten dem Kloster den zehnten Teil ihrer weinbaulichen und landwirtschaftlichen Erträge und lieferten diese Kirchensteuer in eben diesem Zehnthaus (eigentlich ein Zehnthof), seit 1269 nachweislich "Remaclushof" genannt, ab. Wir müssen uns die bauliche Anlage als ein langgestrecktes Rechteck vorstellen. Der Sockelbau, in dem sich die Keller befinden, besteht aus Bruchsteinmauerwerk. Die Gebäude darauf waren alle in Fachwerk errichtet. Vor der ursprünglich fenster- und turmlosen Hofseite des Wohnhauses war ein eingeschossiges Gesindehaus gelegt, im Winkel dazu ein schmales Scheunen- und Stallgebäude, dem der Kirchturm als Rückwand und Balkenauflage diente. Diese Wirtschaftsgebäude stellten die bauliche Verbindung mit dem Kelterhaus her, das den Platz am Südende der Anlage, also gegenüber dem Wohnhaus, einnahm. Alle diese Wirtschaftsgebäude wurden durch einen verheerenden Brand im Jahre 1913 zerstört. Dieses Feuer zog den gesamten Bereich, selbst Kirchturm und Kirchenglocken, stark in Mitleidenschaft, wie es in der Conder Pfarrchronik nachzulesen ist. Es heißt, der Brand sei durch Blitzeinschlag verursacht worden.
Nach der Brandkatastrophe wurde das Hofhaus gründlich instandgesetzt und erhielt nach dem Abbruch der Brandruinen an der Hofseite ebenfalls Fenster und erst zu diesem Zeitpunkt den pittoresken Treppenturm mit der "welschen" Dachhaube. Die nun freistehende Lage des Zehnthauses brachte seinen Fachwerkschmuck erst recht zur Geltung. Besonders die Giebelwand zur Mosel hin ist reichhaltig mit Schnitzungen und Malereien verziert. Erst nach mehrmaligem Hinschauen nimmt man alle Rankenmalereien, die auf der Spitze stehenden Quadratmuster in den Gefachen oder die Drachenköpfe auf den Stirnborden unterhalb des Daches wahr. Lediglich die Ostseite, das ist die nach hinten gerichtete Giebelwand, ist schmucklos, da sie wegen des Küchenkamins in Mauerwerk gehalten wurde. Gesichert ist das Jahr der Erbauung, nämlich 1615, also vor dem Dreißigjährigen Krieg. Jedoch ist bis auf einen Bauantrag der Gebrü der Hieronimi aus dem Jahre 1863 und der Überlieferung der Umbauarbeiten nach 1913 nicht mehr viel über das Zehnthaus zu erfahren. Verlorengegangen ist auch das meiste aus der umfangreichen heimatkundlichen Privatsammlung des 1943 verstorbenen Besitzers Franz Hubert Hieronimi.
Dieser sammelte leidenschaftlich altes Hausgerät, Möbelstücke, Waffen, Zinngerät, Steingut, verzierte Faßböden, Ofen-, Kamin- und Takenplatten, namentlich aus dem 16. bis 18. Jahrhundert. Diese Sammlung ist in alle Winde zerstreut worden.
Lange Jahre war auch das Zehnthaus selbst dem Verfall preisgegeben, bis es der heutige Besitzer Edmund Laux 1971 erwarb und liebevoll und originalgetreu instandsetzte. Anfang der 80er Jahre sorgte der geplante Abriß der Kellergewölbe neben dem Zehnthaus für Aufsehen, da man an dieser Stelle die historischen Weinkeller der Abtei Stablo vermutete. Die Entscheidung der Denkmalbehörde, das Gewölbe unter Schutz zu stellen, war nicht unumstritten. Auch die Errichtung eines Nebengebäudes im Fachwerkstil war einigen ein Anlaß zur Sorge um die Erhaltung des Charakters dieser Anlage.
Doch freuen wir uns heute darüber, daß dieses Schmuckstück und Wahrzeichen von Cond erhalten geblieben ist und nicht wie das Kirchengebäude und der Schulbogen den sechziger Jahren "mit ihrem festen Widerspruch zur Historie" wie es der Landeskonservator Veit Geißler einmal formulierte, zum Opfer fiel. Noch vielen Künstlern, Photographen und Urlaubern wird das Zehnthaus als Motiv erhalten bleiben.

n seiner baulichen Anlage als fränkisches Gehöft nur unvollständig erhalten ist der dem Zehnthaus und dem Feuerwehrhaus gegenüberliegende "Rincks Hof". Vom Alter her kann er sich mit dem Remaclushof messen. In einem Türsturz im Inneren des Weinkellers ist die Jahreszahl 1629 eingemeißelt. Die aufwendige Art, aber ziemlich versteckte Anbringung dieses sehr schönen schwarzen Basaltsturzes lassen darauf schließen, daß dieser ursprünglich wohl die Haustür des Gehöftes zierte und erst bei späteren Umbaumaßnahmen an seine jetzige Stelle versetzt worden ist.
Als fränkisches Gehöft bezeichnet man eine von allen Seiten umschlossene Hofanlage. Früher bildete der sogenannte "Stierstall" (direkt am Stall war die Mistekoul) den Abschluß zur Dorfstraße. Nach dem Abriß ist der Blick nun frei auf die noch verbliebenen drei Wohn- und Lagergebäude. Links war das Wohnhaus der Familie, dessen hinterer Teil um die Jahrhundertwende einmal umgebaut worden sein muß. Darunter waren die Vorratskeller.
In dem rechten Wohnhaus befindet sich hinter dem Kelterhaus (früher einmal Küferwerkstatt) ein zwar kleiner, aber legendärer Weinkeller, das "Paradiesje". Paradiesje heißt er seit jeher, so daß sich niemand mehr an den eigentlichen Ursprung dieses Namens erinnert. Die Deutungen kommen eher aus dem Bereich der Anekdoten. Eine erzählt, daß der Conder Arzt Dr. Vinzenz Sebastiany aus seiner Praxis in Köln Patienten zur Erholung oder zum körperlichen Ausgleich durch Weinbergsarbeit hierher zu seinen Verwandten schickte. Und die "Städter" genossen das Leben (und "Arbeiten") auf dem Lande. Sie fanden es einfach paradiesisch. Und wie es sich heute noch in manchem Weinkeller ereignen soll, daß man einen über den Durst trinkt, so war es früher nicht anders. Am authentischsten ist wohl die Schilderung eines Neffen der Familie, der im Rincks Hof aufwuchs, daß zu Zeiten, an denen man wegen schlechten Wetters oder anderer Gründe draußen nicht arbeiten konnte, der "letzte" Rinck, Peter mit Namen, an der Hofeinfahrt gegenüber der Schule auf der Straße stand, und sich mit den vorbeikommenden Nachbarn, Verwandten und Bekannten unterhielt. Wie heute sprach man über dies und das, wahrscheinlich über das Wetter oder die Politik und sehr bald kam von Peter Rinck die selten widersprochene Aufforderung "Komm, mer drenken ä moal !"
Es ging in den Keller und mit einem Schläuchelchen, das zusammen mit einem Probier-gläschen immer fein gesäubert bereit lag, wurde der Wein aus einem Fuderfaß gezapft. Dabei wurde unabhängig von der Zahl der Beteiligten immer nur ein Glas benutzt, das reihum ging. Diese Runden dauerten oft (häufig zum Leidwesen der Ehefrauen) sehr lange.
Auch früher schon soll der Keller oft Stätte feuchtfröhlicher Zusammenkünfte gewesen sein. Nach einer Erzählung wurde bei einer Hillig im Hause Rinck, ein "Zulast" (360 l) Wein an die Dorfjugend ausgeschänkt.

n anderer Stelle wird berichtet, daß der Lehrer Schäfer aus der benachbarten Volksschule sich in den Pausen mit Vorliebe im Rincks Hof aufhielt. Das Gehalt eines Lehrers war in der damaligen Zeit nicht sehr üppig bemessen. Und so hatte auch der Lehrer Schäfer ein paar Felder zu bestellen, die aber die Familie Rinck für ihn mitbewirtschaftete. Da konnte man in den Schulpausen schon das ein oder andere besprechen. Oder gab es da einen anderen Grund ?! Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Dr. Rudolf Rinck, der oben erwähnte Neffe der Familie, hat uns aus dem Nachlaß seiner Verwandten eine mit "J.L." unterzeichnete Schilderung einer Probe des 1917er Weinjahrgangs im Paradiesje zur Verfügung gestellt. Zeitpunkt der Entstehung und Stil der Dichtung lassen Joseph von Lauff als Urheber vermuten.

Den Namen hat das Gehöft von seinen ursprünglichen Besitzern, der Familie Rinck, die dort mit mehreren Familienzweigen lebte. Nach dem Tode von Peter Rinck im Jahre 1963 wurde der Hof zweimal verkauft. Seit etlichen Jahren sind die Gebääude nicht mehr regelmäßig bewohnt und zollen Witterung und fortgeschrittenem Alter ihren Tribut. Dennoch liegt der Rincks Hof vielen älteren und jüngeren Condern noch immer am Herzen.
Wenn man die in sich geschlossene Hofanlage betrat, und große Leute zogen in dem schmalen Durchgang zwischen Stall und Wohnhaus unwillkürlich den Kopf ein, dann war man in einer Welt für sich.
Mit ein wenig Phantasie wird auch heute noch anhand der Gebäudeanordnung, anhand der Gliederung der Fassaden und der noch sichtbaren Fachwerkstrukturen, anhand von Mauerresten und noch vorhandenem Kieselpflaster sowie am Baumbestand der unverwechselbare Charme dieser Anlage wieder lebendig.

n unmittelbarer Nachbarschaft finden wir gegenüber dem restaurierten Fachwerkhaus von Friedbert Thiel ein weiteres, kaum noch wahrgenommenes, altes Gebäude: das "Simpsiusse Haus". Hier lebte bis vor wenigen Jahren noch ein Mitglied dieser Familie, Katharina Hölzenbein.
Bei diesem Haus handelt es sich um ein klassisches, moseltypisches Winzerhaus mit vorgelagertem Höfchen und kleinen Stallungen.
An einigen Stellen drückt sich auch hier das Fachwerk durch den Außenputz. Da es als kleines Haus etwas zurückversetzt von der Straße steht, erkennt man es zwischen seinen großen Nachbarn links und rechts erst auf den zweiten Blick. Nach hinten hinaus besitzt das Haus einen Garten bis hinauf zum Antoniuspfädchen.

Doch bleiben wir nicht bei der Erwähnung von Zehnthaus, Rincks Hof und dem Simpsiushaus stehen. Vom Zehnthaus her moselseitig und in Richtung Talstraße standen und stehen noch weitere alte Gebäude. Am Ende der Zehnthausstraße das schon allein durch seine Dachform in das 18. Jahrhundert weisende Eckhaus. Daneben stand bis vor 20 Jahren das Stammhaus der Familie Haas. Gegenüber davon ist eines der ältesten Häuser vor einiger Zeit wegen akuter Baufälligkeit abgerissen und durch einen Neubau mit Fachwerkgiebel ersetzt worden. Das Alter seines unmittelbaren Nachbarn ist aus der Inschrift im Türsturz ersichtlich "A O DNI XU 1773. P. VOLK. MARIA". Die sogenannte Hausmarke der Familie ist ebenfalls abgebildet. Das nächste Haus bildet den Abschluß zum Feuerwehrplatz hin. Trotz Verputzes erkennt man an Fensterformaten und Giebelform die ursprüngliche Fachwerkbauweise. Bei Renovierungsarbeiten sind Teile der Fachwerkkonstruktion im Innern des Gebäudes freigelegt und gesichert worden. Höchstwahrscheinlich stammt der Bau aus der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert, ist also gut 200 Jahre alt.

m heutigen Feuerwehrhaus war die Schule untergebracht. Wo jetzt einige PKW-Stellplätze freie Sicht auf Zehnthaus und Kirchturm ermöglichen, spannte sich der Schulbogen über die Straße. Auf alten Photographien ist er noch zu sehen. Hinter diesem Schulbogen Richtung Mosel finden wir zwei weitere Wohnhäuser, von denen das vordere die Inschrift "ANNO DOMINI 1750. VERACHT MICH NICHT NOCH DE MEINE. BETRACHT NUR DICH UND DIE DEINE. DIESES HAUS STEHT IN GOTTES HAND. GOTT SCHüTZT VOR WASSER UND BRANDT" aufweist.
Dahinter das ehemalige Haus der Familie Thiel.

Entlang der Zehnthausstraße und entlang der Talstraße sind Ende des vorigen Jahrhunderts die zahlreichen repräsentativen Winzerhäuser in Bruchsteinbauweise entstanden, denen wir uns ein anderes Mal widmen werden.

Erwähnt sei in diesem Atemzug ausdrücklich der kleine Weinpavillon an der Mosel, der von den damaligen Besitzern des Cochemer Weingutes Rademacher zu Beginn dieses Jahrhunderts errichtet worden ist. Die Kuppel im Innern des Daches verziert mit Motiven aus antiken Erzählungen und der Gastraum rustikal bestückt mit schwerem Eichenmobilar, stellte der Pavillon ein Kleinod unter den Weinstuben dar. Nach einer umfangreichen Innenrenovierung 1990 haben ihm die vielen Hochwasser seither ziemlich zugesetzt. Auch der im Neubau entstehende Wohnkomplex wird dem Weinpavillon weitere Narben zufügen.

Die leider zerstörten Bauten von altem Kirchenschiff und Schulbogen sind als Zeugen dörflicher Vergangenheit und damit unserer eigenen Geschichte unwiederbringlich verloren gegangen.
Auch in früherer Vergangenheit ist Altes immer wieder durch Neues abgelöst worden, vermeintlich "Unmodernes" durch vermeintlich "Komfortableres" ersetzt worden. Dennoch bewahrten die Bauten der Vergangenheit den Charakter und das Antlitz eines Dorfes. Das gilt für die Bruchsteinarchitektur um den Pumpenplatz herum, sämtlich Zeugen einer jüngeren Epoche, ebenso wie für die beschriebenen Fachwerkensemble um die alte Schule herum, sämtlich Zeugen einer älteren Epoche. Wenn sie auch nicht mehr alle in ihrem alten Glanz erstrahlen, so wollen wir doch zumindest die Erinnerung daran erhalten.