Ernst Heimes - Mein Conder Gruß

 

Mein Gruß an Euch ist kein Wort,
keine Floskel, kein Satz, keine Phrase.
Mein Gruß ist ein Laut,
ein Urlaut fast,
ein Klang aus meinem Dorf.

In meinem Dorf
und nirgens sonst,
grüßen sich so die Menschen,

in meinem Dorf,
an meinem Fluß,
in meiner Sprache.

Ein "O", wie bei "offen",
"Orchidee" und "Onkel", wie bei
"Ossi" und "Oktobertag",

Aber nicht so kurz, wie bei "offen"
ist mein Gruß.
Er hat Zeit und zieht sich
und vibriert und klingt.
Er ist ganz Melodie.
Eine Synphonie von daheim.
Eine Hymne!

Rund, so wie ein Faßreifen.
Ein Ring aus Zigarettenqualm.
Ein Kreis aus Kreide am Feuerwehrplatz.
Ein Ton aus entspanntem, rundem Mund.

Wir singen uns an
in unserem Dorf - zur Begrüßung.
Wir singen "Da kommst du-hier komme ich",
in einem runden, klingenden Laut
wie bei "Orgel",
aber das"
O" in all seinen Schwingungen!

Ein Trinklied oder Flamenco,
ein Jazz oder ein Totengesang,
in meinem Gruß erklingen sie,
enstehen aus meinem "
O",

Und alle Trübnis, alles Licht,
alle Jugend, alles Alter
und jeder geschlürfte 76er,
jede eingerissene Gartenmauer,
jede asphaltierte Gasse
und jedes altbekannte Gesicht,
jede Aluminiumtür,
jeder verbundsteingepflasterte Platz,
wilder Wein an der Hausfassade,
jeder Balken unter Putz,
jeder übriggebliebene Wackerstein,
die Eidechse am Stationsweg,
jeder Kirschbaum, jede Weide,
jede Erinnerung an das Lachen
der Bäckerstochter
und jedes Hochwasser,
jedes Öchsle Grad im Herbst,
jedes freie und belegte Fremdenzimmer,
und all der Lärm in den Sommernächten,
und schmuddelige Wintertage,
jede gestutzte, gespritzte, gebundene Rebe
und der Brummschkopf nach weinseliger Nacht,
jedes Fest und jeder Alltag
summen mit in meinem Gruß.

Rund wie ein Faßreifen.
Ein Ring aus Zigarettenqualm.
Ein Kreis aus Kreide am Feuerwehrplatz.
Ein Ton aus entspanntem, rundem Mund.

Das ist mein Gruß!

ooh.wav


 

(c) Ernst Heimes